Zur JKU Startseite
Kepler Tribune
Was ist das?

Institute, Schools und andere Einrichtungen oder Angebote haben einen Webauftritt mit eigenen Inhalten und Menüs.

Um die Navigation zu erleichtern, ist hier erkennbar, wo man sich gerade befindet.

Franz Fellner
Im Gespräch Ausgabe 4/2022

Somnium – der Traum von Wissen­schaft

Von elek­tri­schen Scha­fen, wie im Roman des Sci­ence Fic­tion Schrift­stel­lers Philip K. Dick, träumt Franz Fell­ner nicht. Ein Andro­ide ist er, soweit wir wis­sen, auch kei­ner. Aber ein biss­chen nach Sci­ence Fic­tion klingt sein neuer Lehr­stuhl für „Vir­tu­elle Mor­pho­lo­gie“ an der JKU schon.

Von Sonja Raus
Im Gespräch Ausgabe 3/2022

Unter Span­nung

„Wir sind uns wohl alle einig, daß [sic] es die Auf­gabe von Bil­dung ... war, ist und wahr­schein­lich blei­ben wird, die Jugend auf das Leben vor­zu­be­rei­ten. Wenn dies aber der Fall ist, dann steht die Bil­dung (ein­schließ­lich der uni­ver­si­tä­ren Bil­dung) jetzt vor der tiefs­ten und radi­kals­ten Krise in ihrer an Kri­sen rei­chen Geschichte“, erklärte der Sozio­loge und Phi­lo­soph Zyg­munt Bau­man in einem Vor­trag an der Uni­ver­si­tät Padua.1 Er bezog sich dabei auf seine Theo­rie der „Liquid Moder­nity“, die er so beschrieb: „Die For­men des moder­nen Lebens kön­nen sich in eini­ger Hin­sicht unter­schei­den – aber was sie alle ver­bin­det, ist genau ihre Zer­brech­lich­keit, Zeit­lich­keit, Ver­wund­bar­keit und Nei­gung zu stän­di­gem Wan­del.“2 Ein Phä­no­men, das gerade jetzt eine dra­ma­ti­sche Bestä­ti­gung erfährt.

Doch funk­tio­niert unser aktu­el­les Bildungs-​ und Wis­sen­schafts­sys­tem im Wesent­li­chen noch immer nach den Prin­zi­pien des Indus­trie­zeit­al­ters des 18. und 19. Jahr­hun­derts: Wis­sens­pro­duk­tion, Wis­sens­er­werb, Wis­sens­ver­meh­rung durch intel­lek­tu­elle Arbeits­tei­lung. Die Frag­men­tie­rung der Wis­sens­land­schaft ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten rasant vor­an­ge­schrit­ten. Im Jahr 2018 gab es etwa 42.500 aktive wis­sen­schaft­li­che Peer- Review-​ Zeit­schrif­ten, die zusam­men über drei Mil­lio­nen Arti­kel pro Jahr ver­öf­fent­lich­ten. Alle zehn Sekun­den erscheint ein wis­sen­schaft­li­cher Arti­kel.

Par­al­lel dazu ist die Welt immer kom­ple­xer gewor­den. Es scheint: Alles hängt mit allem zusam­men. Ein Schiffs­un­fall im Suez­ka­nal legt Fabri­ken in Europa lahm. Eine kranke Fle­der­maus auf einem chi­ne­si­schen Markt dürfte eine welt­weite Pan­de­mie ver­ur­sacht haben, die unser Sozi­al­ver­hal­ten auf den Kopf stellt, meh­rere Mil­lio­nen Todes­op­fer und enorme wirt­schaft­li­che Schä­den for­dert.

Fast ein Jahr­hun­dert, nach­dem Hei­sen­berg die Unschär­fe­re­la­tion for­mu­lierte und seine Theo­rie der Quan­ten­me­cha­nik die Para­dig­men der Phy­sik und sogar der Phi­lo­so­phie gebro­chen hat, sind wir immer noch gewohnt, weit­ge­hend in iso­lier­ten dis­zi­pli­nä­ren Silos mit frag­men­tier­tem Wis­sen nach linea­ren Kau­sa­li­täts­mus­tern zu argu­men­tie­ren und zu han­deln.

Wäh­rend die gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten gleich­zei­tig von der Kom­ple­xi­tät einer wach­sen­den Zahl und in ihren Wech­sel­wir­kun­gen immer unüber­sicht­li­cher wer­den­den Fak­to­ren bestimmt wer­den, ver­su­chen Poli­tik und Wirt­schaft ver­zwei­felt, die lineare Gestal­tungs­lo­gik des Indus­trie­zeit­al­ters auf­recht­zu­er­hal­ten.

Bil­dung und Wis­sen­schaft ori­en­tie­ren sich am Para­digma eines Erkennt­nis­fort­schritts, der pri­mär inner­halb von Dis­zi­pli­nen oder sub­dis­zi­pli­nä­ren Nischen defi­niert und anhand von quan­ti­ta­ti­ven biblio­me­tri­schen Indi­ka­to­ren gemes­sen wird. Dass kom­plexe Wir­kungs­me­cha­nis­men immer öfter die Gren­zen einer wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­plin über­schrei­ten, wird in unse­rem Bildungs-​ und Wis­sen­schafts­sys­tem weit­ge­hend aus­ge­blen­det.

Schon 2009 hat der European Rese­arch Area Board einen Para­dig­men­wech­sel im Den­ken und in der Rolle der Wis­sen­schaft gefor­dert: Ein neues „holis­ti­sches Den­ken“ sei not­wen­dig, Wis­sen­schaft und For­schung soll­ten „mehr auf die sys­te­mi­schen Effekte ach­ten als auf die engen Ziele“. „Pre­pa­ring Europe for a New Renais­sance“ war der bemer­kens­werte Titel des Berichts.3

Der Inter­na­tio­nal Sci­ence Coun­cil, ein Dach­ver­band der pro­mi­nen­tes­ten For­schungs­or­ga­ni­sa­tio­nen aus der gan­zen Welt, wie z.B. die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft, der FWF, die Royal Swe­dish Aca­demy of Sci­en­ces, die Schwei­ze­ri­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, die US Natio­nal Aca­demy of Sci­en­ces, die Bri­tish Aca­demy, hat 2021 einen Bericht ver­öf­fent­licht, in dem er die Not­wen­dig­keit betont, „Inno­va­tion durch dis­zi­plin­über­grei­fende Zusam­men­ar­beit anzu­re­gen“. Man müsse „die gegen­wär­ti­gen glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen als mit­ein­an­der ver­floch­tene natür­li­che und soziale Pro­bleme ver­ste­hen und gestal­ten und daher den Sozial-​ und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sowie der Kunst eine her­aus­ra­gende Füh­rungs­rolle zuwei­sen, ohne die wich­ti­gen Bei­träge der Natur­wis­sen­schaf­ten, der Inge­nieur­wis­sen­schaf­ten und der Medi­zin zu negie­ren“.4

Bei all dem darf die so drin­gend gebo­tene Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät nicht gegen die Ver­tie­fung in den Dis­zi­pli­nen aus­ge­spielt wer­den. Der unbe­dingt not­wen­dige Blick über den Tel­ler­rand braucht ein star­kes dis­zi­pli­nä­res Rück­grat. Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät gelingt meist dort am bes­ten, wo exzel­lente Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter ihres jewei­li­gen Faches an gemein­sa­men fach­über­grei­fen­den Pro­jek­ten arbei­ten. Inter­dis­zi­pli­näre Struk­tu­ren bedür­fen – meist in Form eines ite­ra­ti­ven Pro­zes­ses – immer wie­der des Rück­griff s auf die Exzel­lenz in den Dis­zi­pli­nen. Wie der Deut­sche Wis­sen­schafts­rat daher zu Recht betont, sind Dis­zi­pli­na­ri­tät und Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät zugleich kon­sti­tu­tive Ele­mente des moder­nen Wis­sen­schafts­sys­tems.5 „Dis­zi­pli­näre und inter­dis­zi­pli­näre Ansätze kön­nen glei­cher­ma­ßen sach­ge­recht sein und sind daher grund­sätz­lich gleich­wer­tig.“

Es ist in der Tat bemer­kens­wert, dass her­aus­ra­gende Insti­tu­tio­nen des glo­ba­len For­schungs­sys­tems einen Wan­del der Wis­sen­schafts­kul­tu­ren ein­for­dern, weil „das Wis­sen­schafts­sys­tem der­zeit nicht so orga­ni­siert und moti­viert ist, dass Wis­sen­schaft­ler effek­tiv dazu bei­tra­gen kön­nen, Ant­wor­ten auf glo­bale exis­ten­zi­elle Bedro­hun­gen zu fin­den und umzu­set­zen“.6

Die Erkennt­nis, dass wir den drän­gen­den glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen nicht mit „more of the same“ begeg­nen kön­nen, son­dern dass wir in For­schung und Lehre die business-​as-usual-Ansätze ver­las­sen müs­sen, scheint an Boden zu gewin­nen.

Am Ende des 20. Jahr­hun­derts wurde der klas­si­sche Kanon der Kul­tur­tech­ni­ken – Spre­chen, Lesen, Schrei­ben und Rech­nen – durch die Fähig­keit zur digi­ta­len Arti­ku­la­tion und Kom­mu­ni­ka­tion ergänzt. Alle, die diese Fähig­keit nicht beherrsch­ten, wur­den als digi­tale Analpha­be­ten mit sozia­ler Aus­gren­zung bestraft und hat­ten signi­fi­kante Nach­teile am Arbeits­markt zu erlei­den.

Jetzt muss die­ser Kanon der Kul­tur­tech­ni­ken neu­er­lich erwei­tert wer­den.

Die Ver­meh­rung des Wis­sens in den ein­zel­nen Spe­zi­al­dis­zi­pli­nen wird wie gesagt wei­ter unver­zicht­bar sein, aber zusätz­lich muss unser Bil­dungs­sys­tem die Kom­pe­tenz zur Ver­net­zung von Wis­sen ver­stär­ken – auf einer Ebene, die mit Algo­rith­men (noch) nicht erreich­bar ist und deren Ziel­rich­tung bereits das gel­tende Uni­ver­si­täts­ge­setz vor­gibt: „Die Uni­ver­si­tä­ten sind beru­fen, der wis­sen­schaft­li­chen For­schung und Lehre, der Ent­wick­lung und der Erschlie­ßung der Künste sowie der Lehre der Kunst zu die­nen und hie­durch auch ver­ant­wort­lich zur Lösung der Pro­bleme des Men­schen sowie zur gedeih­li­chen Ent­wick­lung der Gesell­schaft und der natür­li­chen Umwelt bei­zu­tra­gen.“

Es ist hoch an der Zeit, der krea­ti­ven Syn­these von Wis­sen nun min­des­tens ebenso große Wich­tig­keit in unse­rem Bildungs-​ und For­schungs­sys­tem zuzu­er­ken­nen wie der Ver­meh­rung des Wis­sens. Unge­wöhn­li­che Ver­bin­dun­gen her­stel­len, Per­spek­ti­ven wech­seln, mit Unge­wiss­heit, Unvor­her­seh­bar­keit und Mehr­deu­tig­keit arbei­ten; des­halb brau­chen wir auch das Alpha­bet der Kunst im Pro­zess gesell­schaft­li­cher Inno­va­tio­nen in Zei­ten radi­ka­ler Umbrü­che. 

1 Bau­man, Zyg­munt (2011), Liquid modern chal­len­ges to edu­ca­tion, Lec­ture given at the Coim­bra Group Annual Con­fe­rence – Padova, 26 May 2011

2 Bau­man, Zyg­munt (2000), Liquid Moder­nity, Polity Press, Cam­bridge, UK

3 European Com­mis­sion (2009), Pre­pa­ring Europe for a New Renais­sance, A Stra­te­gic View of the European Rese­arch Area

4 Inter­na­tio­nal Sci­ence Coun­cil (2021), Unlea­shing Sci­ence: Deli­vering Mis­si­ons for Sus­tai­na­bi­lity, S. 33

5 Deut­scher Wis­sen­schafts­rat (2020), Wis­sen­schaft im Span­nungs­feld von Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät und Dis­zi­pli­na­ri­tät – Posi­ti­ons­pa­pier, S. 47 f

6 Inter­na­tio­nal Sci­ence Coun­cil (2021), Unlea­shing Sci­ence: Deli­vering Mis­si­ons for Sus­tai­na­bi­lity, S. 17  

Von Gerald Bast & Meinhard Lukas
(c) Angelika Kessler
Angelika Kessler
Im Gespräch Ausgabe 2/2022

Schleim und Empö­rung

Es gehört zu den Grund­fer­tig­kei­ten des post­he­roi­schen Poli­ti­kers, der post­he­roi­schen Poli­ti­ke­rin in Öster­reich, mög­lichst nichts Bemer­kens­wer­tes zu sagen, nichts, was in Erin­ne­rung blei­ben und spä­ter ein­mal gegen einen ver­wen­det wer­den könnt e. Also man soll sich nur ja nicht bei einer poin­tier­ten For­mu­lie­rung oder gar bei der Wahr­heit ertap­pen las­sen. So lebt’s sich legis­la­tur­pe­ri­oden­lang ruhig und ange­nehm.

Einen gewal­ti­gen Lap­sus in Sachen Wahrheits-​ und Poin­ten­ver­mei­dung hat sich im Früh­jahr die­ses Jah­res Wer­ner Kog­ler, Öster­reichs Vize­kanz­ler, geleis­tet. In der „Zeit im Bild“ hat Kog­ler am 7. März am Beginn des Ukraine-​Krieges die (vorige) Bun­des­re­gie­rung und die Wirt­schafts­kam­mer scharf kri­ti­siert – man habe, so Kog­ler, Putin einen roten Tep­pich aus­ge­rollt, einen „roten Tep­pich mit Schleim­spur“.

Mein Gott: Mit dem Kog­ler ist es durch­ge­gan­gen! Das ist ja – unver­zeih­lich – glän­zend for­mu­liert, und der Mann hat (noch schlim­mer) sogar recht. Über Jahre hat man Putin in Öster­reich den roten Tep­pich aus­ge­rollt und auf dem Tep­pich sind die Schleim­spu­ren noch sicht­bar – pein­li­che Fle­cken, Spu­ren der Anbie­de­rung.

Die graus­li­che Schleim­spur ist eine unheim­li­che Erin­ne­rungs­spur. Es braucht keine son­der­li­che Archiv­re­cher­che: Öster­reichs Poli­tik hat Wla­di­mir Putin über Jahre hofiert, mit und ohne Ohrring-​Geschenke, man hat rinks wie lechts den Auto­kra­ten über Jahr­zehnte gewäh­ren las­sen – bei der Abschaf­fung der Pres­se­frei­heit, bei der Anne­xion der Krim, bei der Bezeich­nung der Ukraine als ver­fehl­ten Staat usw. usf. Man hat die Abhän­gig­keit von rus­si­schem Gas und Öl aus­ge­baut und damit Putin und die Sei­nen zum Krieg, dem schlimms­ten Ver­bre­chen, nach­ge­rade ani­miert. Der Puti­nis­mus, der im Krieg mün­dete, ist das Unge­heuer, das die öster­rei­chi­sche Poli­tik mit­er­zeugt hat.

In einem klei­nen, auch heute noch lesens­wer­ten Auf­satz („Über das Unheim­li­che“) hat Sig­mund Freud vor mehr als hun­dert Jah­ren auf die eigen­tüm­li­che Qua­li­tät des Unheim­li­chen hin­ge­wie­sen. Das Un-​Heimliche ist das Gegen­teil des Hei­me­li­gen und des Heim­li­chen im Wort­sinn: Das, was mög­lichst heim­lich blei­ben sollte, kehrt plötz­lich wie­der, wird un-​heimlich. Wird die Auf­he­bung des Heim­li­chen öffent­lich, erzeugt sie Scham.

Die Reak­tion auf die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten? Sie ist eine dop­pelt empörte: Man ist zunächst empört über den Boten Kog­ler, der die Sache in Erin­ne­rung geru­fen hat und der mit sei­nem glän­zen­den Bild vom Tep­pich und den Spu­ren dar­auf gegen den Kon­sens der Null­rhe­to­rik (siehe oben) ver­sto­ßen hat. Die zweite Reak­tion ist eben­falls Empö­rung, eine ebenso laut­starke wie schein­hafte Empö­rung, die von Scham und Schuld ent­las­ten soll. Man empört sich nun, da alles zu spät ist, über „den Krieg und sei­nen Schre­cken“, um die Schleim­spu­ren zu ver­wi­schen und die Scham zu kom­pen­sie­ren. Bun­des­kanz­ler Neham­mer reist in einer sinn­lo­sen Despe­ra­do­ak­tion nach Mos­kau, um sich ein mora­li­sches Fleiß­zet­terl abzu­ho­len, und man hält sich an Künst­le­rin­nen und Sport­ler. Man for­dert in offe­nen Brie­fen „vehe­ment“ „öffent­li­che Stel­lung­nah­men“ ein, stim­men die Auf­ge­for­der­ten nicht sogleich ein, kri­ti­sie­ren die Hal­tungs­lo­sen deren man­gelnde „Hal­tung“ (und ent­las­sen sie kur­zer­hand). So ver­wischt man preis­güns­tig die Schleim­spu­ren.

Aber eben auch nicht ganz: Dass Kogl er dar­auf auf­merk­sam gemacht und das Ver­drängte poin­tiert zu Bewusst­sein gebracht hat, ist im poli­ti­schen Juste Milieu Öster­reichs ein Skan­dal. Wir sind ihm dank­bar dafür!  

Von Ernst Strouhal
Im Gespräch Ausgabe 2/2022

Dürfen wir noch Pelmeni essen?

Seit dem Beginn der Kriegs­hand­lun­gen in der Ukraine im Februar hören wir ver­mehrt Berichte über Geschäfte, die rus­si­sche Pro­dukte wie Wodka und Pelmeni-​Teigtaschen aus dem Sor­ti­ment neh­men, rus­si­sche Kunst­schaff ende, die aus­ge­la­den wer­den und ihre Anstel­lung ver­lie­ren, und Cafés und Restau­rants, die rus­si­sche Gäste nicht mehr bedie­nen wol­len. McDo­nald’s und andere Unter­neh­men zie­hen sich ganz aus Russ­land zurück. Diese Hand­lun­gen sol­len als Zei­chen der Soli­da­ri­tät mit der Ukraine ver­stan­den wer­den, als Kri­tik am rus­si­schen Regime, und sie sol­len die Ukraine durch Schwä­chung der rus­si­schen Wirt­schaft unter­stüt­zen. Auch wenn die Ant­wort auf die Frage, wer Aggres­sor und wer Opfer in der jet­zi­gen Situa­tion wenig zwei­deu­tig ist, kön­nen und müs­sen wir erör­tern, ob sol­che Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen und wirt­schaft­li­chen Maß­nah­men ver­tret­bar und mora­lisch gerecht­fer­tigt sind.

In sei­nem berühm­ten Auf­satz „Poli­tik als Beruf“ (1919) unter­schied Max Weber zwi­schen zwei unter­schied­li­chen Stand­punk­ten, von denen man ethisch ori­en­tierte Hand­lun­gen betrach­ten kann: dem der Gesin­nungs­ethik und dem der Ver­ant­wor­tungs­ethik. Der Gesin­nungs­ethi­ker han­delt nach Maxi­men wie Kants kate­go­ri­schem Impe­ra­tiv oder dem libe­ra­len Ver­bot, grund­le­gende Rechte von Men­schen zu ver­let­zen. Der Ver­ant­wor­tungs­ethi­ker schaut auf die Fol­gen einer Hand­lung und bewer­tet sie als mora­lisch gerecht­fer­tigt, solange sie per Saldo das Gute in der Welt meh­ren.

Schon von einem gesin­nungs­ethi­schen Stand­punkt sind viele der Boy­kott­maß­nah­men mora­lisch zumin­dest pro­ble­ma­tisch. Der Kern von Kants Impe­ra­tiv ist die Ansicht, eine Hand­lung müsse gene­ra­li­sier­bar sein, um als mora­lisch ver­tret­bar zu gel­ten. Wir soll­ten also rus­si­sche Waren oder Künst­ler nur dann boy­kot­tie­ren, wenn wir auch bereit wären, Ver­gleich­ba­res in ähn­li­chen Kon­flik­ten zu tun. Das erscheint aller­dings wenig rat­sam. In der Welt toben zahl­rei­che Kon­flikte, und auch wenn uns die Ukraine näher erscheint, ist es nicht gerecht­fer­tigt, hier mit zwei­er­lei Maß zu mes­sen. Zudem ist wahr­schein­lich, dass Rechte der Betei­lig­ten ver­letzt wer­den, wie z.B eigen das Recht, nicht auf­grund bestimm­ter Merk­male wie Mut­ter­spra­che, Haut­farbe oder eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit dis­kri­mi­niert zu wer­den.

Eine Schwie­rig­keit mit der ver­ant­wor­tungs­ethi­schen Bewer­tung ist die genaue Vor­her­sage der Fol­gen der Hand­lung, ins­be­son­dere, wenn man sinn­vol­ler­weise ver­langt, alle Fol­gen zu berück­sich­ti­gen. Was aber klar ist, ist, dass die tat­säch­li­chen Fol­gen nur sel­ten mit den inten­dier­ten Fol­gen über­ein­stim­men. Nur weil bestimmt e Maß­nah­men das rus­si­sche Regime schwä­chen sol­len, heißt das nicht, dass sie es auch tun. Vor allem kann es auch eine große Anzahl von Leid­tra­gen­den geben, die mit der rus­si­schen Poli­tik wenig oder gar nichts zu tun haben. Als Bei­spiele mögen die Ange­stell­ten der rus­si­schen McDo­nald’s-​Filialen die­nen, die nun ihren Job ver­lie­ren, die Zulie­fe­rer und Aktio­näre von Mc-​Donald’s oder die Kon­su­men­ten rus­si­scher Pro­dukte bei uns.

Natür­lich folgt aus Gesag­tem nicht, dass es nicht auch sinn­volle Maß­nah­men geben kann. Wenn etwa die Aus­lands­ver­mö­gen rus­si­scher Olig­ar­chen ein­ge­fro­ren wer­den, um zu errei­chen, dass sie Druck auf die Regie­rung aus­üben, die Kampf­hand­lun­gen ein­zu­stel­len, kann dies durch­aus ver­tret­bar sein. In vie­len Fäl­len schei­nen sie aber ihr Ziel zu ver­feh­len und vor allem unbe­tei­ligte Rus­sen und hie­sige Kon­su­men­ten zu tref­fen. In sol­chen Fäl­len, so wohl­in­ten­diert die Maß­nahme auch sein mag, müs­sen von ver­schie­de­nen ethi­schen Stand­punk­ten aus berech­tigte Zwei­fel ange­mel­det wer­den.  

Von Julian Reiss
Angelika Kessler
(c) Angelika Kessler
Im Gespräch Ausgabe 1/2022

Fetisch KI

Als Wolf­gang von Kem­pe­len in den 1780er Jah­ren sei­nen Schach­au­to­ma­ten dem euro­päi­schen Publi­kum vor­führte, war der alte Kon­ti­nent das Zen­trum eines auf Wis­sen­schaft und Tech­nik, aber auch kolo­nia­ler Expan­sion aus­dau­en­den Inno­va­ti­ons­geis­tes. An der Schwelle zur Indus­tri­el­len Revo­lu­tion kannte der Fort­schritts­glaube nur eine Rich­tung: vor­wärts!

Heute scheint Europa dage­gen ins Hin­ter­tref­fen zu gera­ten. Gerade bei den Emer­ging Tech­no­lo­gies „Künst­li­che Intel­li­genz“ und „Maschi­nel­les Ler­nen“ habe man, so der Tenor, den Anschluss an China und die USA ver­lo­ren. Jetzt ließe sich ein­wen­den, dass dies – gemes­sen an der Anzahl euro­päi­scher Start-​ups und publi­zier­ter Arti­kel in eben­die­sen Inno­va­ti­ons­be­rei­chen – gar nicht mal der Fall ist. Aber ein sol­ches Auf­rech­nen geht an der eigent­li­chen Frage vor­bei: Was heißt denn „Krea­ti­vi­tät“ und „Inno­va­tion“ bezo­gen auf KI?

Kem­pe­lens „Wun­der­werk der Tech­nik“, das letzt­lich auch Inspi­ra­tion für eine Reihe wei­te­rer Erfin­dun­gen war, basierte auf einem simp­len Trick: Der als Türke ver­klei­dete Auto­mat wurde von einem in der Appa­ra­tur ver­steck­ten Schach­spie­ler gesteu­ert. Der „getürkte“ Appa­rat folgte dem­nach nicht nur dem ras­sis­ti­schen Ima­gi­när vom unheim­li­chen, aber irgend­wie auch cle­ve­ren Ori­en­ta­len, son­dern wurde selbst zum Sinn­bild eines auf mensch­li­cher Arbeit auf­bau­en­den Inno­va­ti­ons­pro­zes­ses.  So nimmt „Ama­zon Mecha­ni­cal Turk“, eine der größ­ten Micro-​labour-Plattformen, die wesent­lich zum KI-​Erfolg bei­getra­gen haben, direkt Anleihe beim Schach­tür­ken. Mit ihr kön­nen repe­ti­tive Arbeits­schritte wie das müh­same Kenn­zeich­nen von Daten­sets an zumeist schlecht bezahlte Arbeits­kräfte (Tur­kers) aus­ge­la­gert und damit ver­steckt wer­den. Um den Fetisch einer sol­chen „Arti­fi­cial Arti­fi­cial Intel­li­gence“ (Selbst­be­zeich­nung) auf­recht­zu­er­hal­ten, wird die zur Her­stel­lung eben­die­ser Intel­li­genz not­wen­dige Arbeit, das heißt ihre soziale Kon­sti­tu­tion, ver­drängt.

Der Fetisch­cha­rak­ter von KI führt in eine Sack­gasse. Was wol­len wir denn von die­ser Tech­no­lo­gie? Dass sie uns beim Shop­pen behilf­lich ist, unser Auto steu­ert, unsere Urlaubs­bil­der taggt oder in unse­rem Namen – am bes­ten noch mit unse­rer Stimme – Tisch­re­ser­vie­run­gen vor­nimmt? Ist das wirk­lich die große „KI-​Revolution“, die wir uns vor­stel­len?

Anstatt also Heils­ver­spre­chen, aber auch Unter­gangs­fan­ta­sien hin­ter­her­zu­ren­nen, bestünde eine echte, krea­tive Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Zukunfts­tech­no­lo­gie darin, sich erst ein­mal klar dar­über zu wer­den, was für eine Zukunft wir uns da wün­schen. Das mag jetzt wie­der nach typisch euro­päi­scher Inno­va­ti­ons­bremse klin­gen, wäre aber ange­sichts der bestehen­den Her­aus­for­de­run­gen (Arbeits­markt, Kli­ma­wan­del, Finanz­spe­ku­la­tion, Demo­kra­tie­ver­sa­gen etc.) tat­säch­lich ein­mal eine Revo­lu­tion, die ihren Namen ver­dient.  

Von Clemens Apprich
Im Gespräch Ausgabe 1/2022

Inno­va­tives Europa?

Inter­es­sierte Leser*innen wis­sen es bereits: Schlag­zei­len zu Inno­va­tio­nen in euro­päi­schen Unter­neh­men sind oft nega­tiv. „Der Stan­dard“ ver­öf­fent­lichte unlängst einen Arti­kel mit dem Titel „Hat die EU bei Inno­va­tio­nen den Anschluss ver­lo­ren?“ und schluss­fol­gert, dass die USA und China euro­päi­sche Unter­neh­men in puncto Inno­va­tio­nen abhän­gen. Weder große Tech-​Konzerne noch die wert­volls­ten Start-​ups kom­men aus der EU (nur 10% der soge­nann­ten „Uni­corns“ stam­men aus Europa).

Dabei waren es doch gerade euro­päi­sche Unter­neh­men und For­schungs­in­sti­tu­tio­nen, die das 20. Jahr­hun­dert mit Inno­va­tio­nen präg­ten. Warum fällt Europa bei Inno­va­tio­nen immer mehr zurück, wie beein­flusst das die euro­päi­sche Wirt­schaft und wie kön­nen Inno­va­tio­nen geför­dert wer­den? Die Gründe für das Inno­va­ti­ons­de­fi­zit sind viel­fäl­tig. Die EU hat zwar wirt­schaft­lich die Nase vorne, hinkt aber bei den Aus­ga­ben für For­schung und Ent­wick­lung hin­ter­her. Hoch qua­li­fi­zierte Fach­kräfte aus dem Aus­land fas­sen in der EU schwer Fuß. Das liegt einer­seits an der Anzie­hungs­kraft der USA (v.a. Sili­con Val­ley), ande­rer­seits an kom­pli­zier­ten Visa- und Auf­ent­halts­re­geln. So zeigt die „Blaue Karte EU“, das Flagg­schiff der EU, um qua­lifi zierte Fach­kräfte nach Europa zu holen, beschei­dene Resul­tate. Diese und wei­tere Gründe haben weit­rei­chende nega­tive Kon­se­quen­zen, wie bei­spiels­weise, dass euro­päi­sche Unter­neh­men von aus­län­di­schen Her­stel­lern abhän­gig wer­den, was wie­derum das wirt­schaft­li­che Wachs­tum lang­fris­tig hem­men könnte.

Die Pro­gno­sen müs­sen aber nicht düs­ter blei­ben. So kann der Green Deal­der EU als Basis für die Ent­wick­lung inno­va­ti­ver Lösun­gen für eine kli­ma­neu­trale Zukunft gese­hen wer­den. Neben inno­va­ti­ven Ideen braucht es auf der Policy-​Ebene auch die Bereit­schaft, inno­va­tive Unter­neh­men zu för­dern, dabei auf Euro­pas Stär­ken zu fokus­sie­ren und nicht zu ver­su­chen, soge­nannte „Sili­con Some­whe­res“ zu eta­blie­ren. Schluss­end­lich braucht es sei­tens der EU eine bes­sere Posi­tio­nie­rung für hoch qua­li­fi­zierte inter­na­tio­nale Arbeits­kräfte. Schließ­lich ist es all­seits bekannt, dass viele bekannte Inno­va­tio­nen ohne Migrant*innen nicht mög­lich gewe­sen wären. Die Erfolgs­story der BioNTech-​Gründer, die als Ein­wan­de­rer­kin­der inzwi­schen eines der welt­weit bekann­tes­ten Star­tups gegrün­det haben, muss keine Aus­nahme blei­ben.  

Von Almina Bešic
(c) Angelika Kessler
Impressionen aus einer Wohngemeinschaft
Im Gespräch Ausgabe 4/2021

Wollen doch nicht alle Jungen die Welt retten, Herr Schnetzer?

Simon Schnet­zer ist einer der renom­mier­tes­ten Jugend­for­scher im deutsch­spra­chi­gen Raum. Ein Gespräch über das Nicht­ge­hört­wer­den, den stil­len Pro­test und warum
nicht jede*r Influ­en­cer*in wer­den möchte.

Von Meinhard Lukas, Martina Bachler
Im Gespräch Ausgabe 4/2021

Was heißt studieren?

In den heu­ti­gen euro­päi­schen Uni­ver­si­tä­ten ist Welt­ver­bes­se­rung ange­sagt. Bei­nahe wäre diese schon ein Stu­di­en­gang. Wuchern­der Kapi­ta­lis­mus, Öko­lo­gie, Post­ko­lo­nia­lis­mus, Femi­nis­mus, das sind einige der Pro­bleme, die unter Welt­ver­bes­se­rung behan­delt wer­den. Inzwi­schen ist in vie­len euro­päi­schen Län­dern Gesetz, dass außer­eu­ro­päi­sche Stu­den­ten höhere Stu­di­en­ge­büh­ren zah­len müs­sen. Da wird nicht mit Welt­ver­bes­se­rung argu­men­tiert, son­dern mit natio­na­lem Steu­er­haus­halt. Geist und Mate­rie las­sen sich schein­bar nicht so ein­fach mit gutem Wil­len ver­söh­nen.

In der Ankün­di­gung von Welt­ver­bes­se­rung als Zweck eines Stu­di­ums liegt ein Kurz­schluss. Denn man könnte ja auch genau all diese Pro­blem e ins Auge fas­sen, ohne über­haupt zu wis­sen, wie sie zu for­mu­lie­ren sind, wie damit umzu­ge­hen, was zu tun ist.

Poin­tier­ter gesagt: Nur wenn kein Zweck ihm vor­ge­schrie­ben ist, kann ein Pro­blem über­haupt als Pro­blem zutage kom­men, befragt und gedacht wer­den. Nur wenn man end­lich der Phi­lo­so­phie den Kopf abschnei­det, sie von ihrer Anma­ßung, das „Gute“ vor­zu­schrei­ben, los­löst, kann wirk­lich expe­ri­men­tiert wer­den, was ein ganz ande­res Den­ken sei, hieß es in der Zeit­schrift „Acéphale“ (Kopf­los), die in den drei­ßi­ger Jah­ren von Bataille, Klos­sow­ski und Ambro­sini gegrün­det wurde. Das Bild auf dem Titel­blatt, von André Mas­son gemalt, war eine Repro­duk­tion von Da Vin­cis „Vitru­via­ni­schem Men­schen“, aber ohne Kopf und mit einem Toten­kopf anstelle der Geschlechts­teile.

Uni­ver­si­tät bil­det selbst immer eine in sich gespal­tene Wirk­lich­keit. Als Insti­tu­tion ver­fällt sie not­wen­dig dem Uni­ver­si­täts­dis­kurs, der keine neu­tral e Instanz ist, son­dern die Kon­ti­nui­tät der pro­ble­ma­ti­schen gesell­schaft­li­chen Zustände repro­du­ziert, auf­recht­erhält. Ande­rer­seits aber kann das Stu­dium an der Uni­ver­si­tät diese rea­len Wider­sprü­che der Gesell­schaft als gemein­same Pro­bleme gestal­ten und erkun­den.

Sind die aktu­el­len trans­dis­zi­pli­nä­ren Bemü­hun­gen mehr als ein wei­te­rer Uni­ver­si­täts­dis­kurs? Dar­über ent­schei­det nicht der ange­ge­bene Zweck von Welt­ver­bes­se­rung, son­dern die Stu­den­ten. So Wal­ter Ben­ja­min 1914: „Es hätte diese Stu­den­ten­schaft die Uni­ver­si­tät, die den metho­di­schen Bestand des Wis­sens samt den vor­sich­ti­gen küh­nen und doch exak­ten Ver­su­chen neuer Metho­den mit­teilt, zu umge­ben, gleich­wie das undeut­li­che Wogen des Vol­kes den Palast eines Fürs­ten, als die Stätte der bestän­di­gen geis­ti­gen Revo­lu­tion, wo zuerst die neuen Fra­ge­stel­lun­gen weit­aus­grei­fen­der, unkla­rer, unex­ak­ter, aber manch­mal viel­leicht auch aus tie­fe­rer Ahnung, als die wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen, sich vor­be­rei­ten. Die Stu­den­ten­schaft wäre in ihrer schöp­fe­ri­schen Funk­tion als der große Trans­for­ma­tor zu betrach­ten, der die neuen Ideen, die frü­her in der Kunst, frü­her im sozia­len Leben zu erwa­chen pfle­gen als in der Wis­sen­schaft, über­zu­lei­ten hätt e in wis­sen­schaft­li­che Fra­gen durch phi­lo­so­phi­sche Ein­stel­lung.“  

Von Antonia Birnbaum
Angewandte
Tessa Sima
Im Gespräch Ausgabe 4/2021

Inklu­sive Univer­si­täten?

In der Wirt­schaft rich­tet sich der Blick bereits seit lan­gem auf diverse Teams, auf Per­so­nen aus aller Welt, mit unter­schied­li­chen Hin­ter­grün­den, Erfah­run­gen und Exper­ti­sen, die gemein­sam Dia­log und Dis­kurs füh­ren, Ziele ent­schei­den und Auf­ga­ben­stel­lun­gen lösen, um in einer zuneh­mend kom­ple­xen und digi­ta­len Arbeits­welt zu bestehen. Wenn wir davon aus­ge­hen, dass Uni­ver­si­tä­ten die zukünf­ti­gen „Lea­der“ aus­bil­den, die einen Bei­trag zur Über­win­dung gro­ßer Her­aus­for­de­run­gen in einer glo­ba­li­sier­ten und vola­ti­len (Arbeits-​) Welt leis­ten sol­len, dann müs­sen Uni­ver­si­tä­ten auch die gesell­schaft­li­che Diver­si­tät wider­spie­geln.

Dies pas­siert momen­tan noch nicht. Wenn ich mich in mei­nen Kur­sen umsehe, beschränkt sich die Diver­si­tät vor­wie­gend auf Aus­tausch­stu­die­rende aus ande­ren euro­päi­schen Län­dern oder den USA und Kanada. Wo blei­ben aber die jun­gen Men­schen aus den größ­ten öster­rei­chi­schen Migrant*innen­grup­pen? Wie wer­den die Lebens­rea­li­tä­ten die­ser jun­gen Men­schen berück­sich­tigt?

Die feh­lende Diver­si­tät ist ein ver­nich­ten­des Urteil für die Rolle der Uni­ver­si­tä­ten als welt­off ene dis­kur­sive Insti­tu­tio­nen, die ver­su­chen, einer Genera­tion an jun­gen Leu­ten gerecht zu wer­den, wel­che mit Pro­ble­men kon­fron­tiert sind, die glo­bal (Kli­ma­krise), kom­plex (Digi­ta­li­sie­rung) und vola­til sind (Pan­de­mie). Die jun­gen Men­schen die­ser Genera­tion Z, also jene, die zwi­schen 1997 und 2010 zur Welt gekom­men sind, tra­gen die Fol­gen unse­rer Lebens­wei­sen und poli­ti­schen Wei­chen­stel­lun­gen der letz­ten Jahr­zehnte, wer­den aber – davon han­deln die ers­ten Sei­ten die­ser Aus­gabe der Kep­ler Tri­bune – in Ent­schei­dungs­pro­zesse kaum bis gar nicht ein­ge­bun­den. Umso mehr triff t das auf mar­gi­na­li­sierte Grup­pen zu.

Was bedeu­tet es aber, Inklu­sion im uni­ver­si­tä­ren Kon­text zu leben? Natür­lich ist die Uni­ver­si­tät im Bil­dungs­sys­tem nicht die erste Anlauf­stelle, wo das Thema Inklu­sion anzu­spre­chen ist, wie Melisa Erkurt in ihrem 2020 erschie­ne­nen Buch „Genera­tion Haram – Warum Schule ler­nen muss, allen eine Stimme zu geben“ schil­dert. Bil­dungs­chan­cen wer­den in Öster­reich zu einem gro­ßen Teil „ver­erbt“ und die Bil­dungs­mo­bi­li­tät zwi­schen den Genera­tio­nen ist schwach aus­ge­prägt.

Aber mit einem off enkun­di­gen und star­ken Fokus auf Inklu­sion von jun­gen Men­schen aus migran­ti­schen Com­mu­ni­tys, aus bil­dungs­fer­nen Ver­hält­nis­sen und sol­chen mit Flucht­hin­ter­grund kön­nen Uni­ver­si­tä­ten in ihrem Bil­dungs­auf­trag eine Lücke fül­len, die die Lebens­rea­li­tät jun­ger Men­schen in Öster­reich wider­spie­gelt. Sie kön­nen zur Aus­bil­dung von diver­sen Teams in der (Arbeits-​)Welt von mor­gen bei­tra­gen, die in der Lage sind, kom­plexe Her­aus­for­de­run­gen durch Krea­ti­vi­tät und unter­schied­li­che Lösungs­an­sätze zu meis­tern. Uni­ver­si­tä­ten neh­men ihren Aus­gangs­punkt im kri­ti­schen Dis­kurs des Ges­tern, des Heute und ins­be­son­dere des Mor­gen. Ihnen kommt der gesell­schaft­li­che Auf­trag und gleich­sam die ein­ma­lige Chance zu, die­sen Dis­kurs zukunfts­wei­send in Gang zu brin­gen und in Bewe­gung zu hal­ten – indem nicht über Diver­si­tät gere­det wird, son­dern Diver­si­tät selbst­ver­ständ­li­ches Ele­ment des gemein­sa­men For­schens, Leh­rens und Aufk lärens wird.

Von ALMINA BEŠIĆ
Im Gespräch Ausgabe 3/2021

Auto­ri­ta­rismus und Mono­lö­sungen

Nach dem Fall des „Eiser­nen Vor­hangs“ vor mehr als drei Jahr­zehn­ten behaup­tete eine Zeit­dia­gnose das „Ende der Geschichte“. Seit­her beob­ach­ten wir das Gegen­teil: Gesell­schaf­ten wan­deln sich rasend schnell. Gegen­wär­tig wird gar eine Mehr­fach­krise dia­gnos­ti­ziert: Klima-​, Migrations-​, Finanz-​, Demokratie-​ und zuletzt auch Gesund­heits­krise. Wenn­gleich Kri­sen­dia­gno­sen und -​therapien vari­ie­ren, steht eines fest: Es ist kom­pli­ziert.

Wie kön­nen Gesell­schaf­ten die Her­aus­for­de­run­gen die­ser Mehr­fach­krise bewäl­ti­gen? Auto­ri­täre Regime rüh­men sich für rasche und durch­schla­gende Maß­nah­men: China bekommt Covid-​19 in den Griff, Ungarn das Flücht­lings­pro­blem, Sin­ga­pur den Kli­ma­wan­del, so deren Selbst­dar­stel­lung. Dem­ge­gen­über ste­hen demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten in der Kri­tik, zu lang­sam und unent­schlos­sen auf die Her­aus­for­de­run­gen zu reagie­ren.

Diese schein­bare Schwä­che demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten ist jedoch deren große Stärke: Sie bezie­hen die Inter­es­sen und Werte ganz unter­schied­li­cher Teile der Bevöl­ke­rung mit ein. Die­ses Vor­ge­hen kos­tet viel Zeit und Mühe und endet oft in Kom­pro­mis­sen, keine Frage. Doch es eröff­net nach­hal­ti­gere Ent­wick­lungs­pfade in Rich­tung einer sozi­al­öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­tion. Der auto­ri­täre Ansatz, ein­fa­che Lösun­gen für kom­plexe Pro­bleme anzu­bie­ten, ist eine Schein­lö­sung. Der demo­kra­ti­sche Ansatz sucht nach Lösun­gen, die so kom­plex wie nötig und so ein­fach wie mög­lich sind. Aller­dings ist er vor­aus­set­zungs­reich. Er benö­tigt Akteur*innen, die bereit sind, sich auf den Pro­zess ein­zu­las­sen und auch kom­plexe Ant­wor­ten zu akzep­tie­ren.

Und diese Akteur*innen müs­sen über das nötige Wis­sen ver­fü­gen, um kom­plexe Zusam­men­hänge zu ver­ste­hen. Hier kom­men auch die Sozial-​ und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten ins Spiel. Sie hin­ter­fra­gen und ergän­zen rein wirt­schaft­lich oder tech­no­lo­gisch ori­en­tierte Zugänge. Das Elek­tro­auto allein wird die Kli­ma­krise nicht lösen. Ein Impf­stoff allein wird die Gesund­heits­krise nicht lösen. Die Sozial-​ und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten bet­ten tech­no­lo­gi­sche und wirt­schaft­li­che Maß­nah­men in die Gesamt­heit poli­ti­scher, öko­no­mi­scher, öko­lo­gi­scher, sozia­ler und kul­tu­rel­ler Bezie­hun­gen ein. Auf diese Weise schaf­fen sie jene Res­source, die eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Mehr­fach­krise benö­tigt: Refle­xi­ons­wis­sen. Denn der Weg wird zwar vor­wärts gegan­gen, aber nur rück­wärts ver­stan­den.

Von Uli Meyer, Ernst Langthaler
Eine Doppelhälfte
Eine Dppelhälfte.
Im Gespräch Ausgabe 3/2021

Gedanken zum inter­dis­zi­pli­nären Arbeiten

Vor ein paar Wochen gab mein 20 Jahre alter Geschirr­spü­ler den Geist auf. Bei der Suche nach Ersatz bemerkte ich, wel­che Ent­wick­lun­gen ich in die­sen 20 Jah­ren ver­passt hatte: Wozu genau braucht mein Geschirr­spü­ler WLAN? Um ihn ein­zu­schal­ten, wäh­rend ich ein­kaufe, berg­steige, arbeite? Damit ich das Geräusch nicht höre? Oder kom­mu­ni­ziert er mit mei­nem Kühl­schrank dar­über, dass er die schmut­zige But­ter­dose hat und daher But­ter nach­be­stellt wer­den muss, selbst­ver­ständ­lich erst, nach­dem er beim Tief­küh­ler nach­ge­fragt hat, ob etwa tief­ge­kühlte But­ter drin ist?

Die von der Indus­trie ent­wor­fe­nen schö­nen Bil­der des digi­ta­len Haus­halts ent­zie­hen sich mir. Ich finde hier keine Logik außer die einer Wirt­schaft, die alte Dinge neu erfin­det, ohne eine nach­hal­tige Ver­bes­se­rung zuzu­las­sen.

Die Kli­ma­schutz­de­batte wie­derum wird vor­wie­gend von Nega­tiv­bil­dern bestimmt. Denn die Kli­ma­ka­ta­stro­phe kommt in kom­ple­xen Zusam­men­hän­gen. Der per­sön­li­che Ver­zicht aufs Auto soll einen zu hei­ßen Som­mer, eine Über­schwem­mung oder einen Tor­nado ver­hin­dern?

Kom­pli­ziert ist ein Uhr­werk, das mit­hilfe des Wech­selns des rich­ti­gen Teils und mit der rich­ti­gen Exper­tise repa­riert wer­den kann. Kom­plex wie­derum ist etwa der Zusam­men­hang zwi­schen der Toi­let­ten­pa­pier­knapp­heit beim ers­ten Lock­down und der Fle­der­maus in Wuhan.

Kom­plexe Pro­bleme haben keine ein­deu­ti­gen Lösun­gen. Inter­dis­zi­pli­näre Metho­den, d.h. ver­netz­tes Den­ken, in Bezie­hung sein, das Ver­ste­hen, Hin­ter­fra­gen und Ver­mit­teln unter­schied­li­cher Wis­sens­for­men und die Fähig­keit zur Her­stel­lung alter­na­ti­ver Rea­li­tä­ten ermög­li­chen uns, hand­lungs­fä­hig zu sein. Das soge­nannte Inge­nieurs­den­ken „Pro­blem A mit Lösung B“ ist in unse­rer kom­ple­xen Welt nicht mehr zeit­ge­mäß. Per­sön­lich erlebe ich, wie ver­mehrt der Ver­such gemacht wird, ins Gespräch zu kom­men und wie das inter­dis­zi­pli­näre Auf­ein­an­der­zu­ge­hen Raum erhält. Das Gespräch, der kon­struk­tive Mehr­wert von Miss­ver­ständ­nis­sen und von Viel­stim­mig­keit sind Grund­be­din­gun­gen sowohl der inter-​ und trans­dis­zi­pli­nä­ren Arbeit als auch der Demo­kra­tie­ar­beit. Und diese Art des Den­kens und Han­delns ist im bes­ten Sinn auf­re­gen­der als ein­di­men­sio­nale Erzähl­stränge.

Von Christine Böhler
Im Gespräch Ausgabe 2/2021

Cancel Couture

Es gibt eine Obses­sion mit der „lin­ken Iden­ti­täts­po­li­tik“, so schreibt es der Autor Robert Misik in einem Gast­kom­men­tar in der Neuen Zür­cher Zei­tung, um im wei­te­ren Ver­lauf die Gegen­sätz­lich­keit zweier Stand­punkte als bloß ver­meint­lich zu ent­tar­nen. Trotz­dem seien behaup­tete Gegen­po­si­tio­nen auch hier vor­an­ge­stellt: Auf der einen Seite fän­den sich angeb­lich jene, die die soziale Frage ins Zen­trum ihrer Über­le­gun­gen stel­len. Und dann gäbe es die, deren Gedan­ken zur gerech­ten Gesell­schaft sich um einen ange­bo­re­nen Iden­ti­täts­be­stand­teil zen­trie­ren und ihn gewis­ser­ma­ßen los­ge­löst betrach­ten, was also heißt, dass sie zwar Ras­sis­mus und Sexis­mus struk­tu­rell erken­nen, nicht aber Klas­sis­mus. So weit, so ein­fach. Wer bloß binär den­ken kann, ist klar im Vor­teil, weil man dann nicht mit den Zwi­schen­tö­nen durch­ein­an­der­kommt und die eigene Mei­nung als Posi­tion unum­stöß­lich in der Land­schaft steht.

Can­cel Cul­ture von links, bedrohte Kunst­frei­heit, Selbst­vik­ti­mi­sie­rung als Waffe: Die Schlag­wör­ter sind bekannt. Aktu­ell ent­zün­den sie sich inner­halb des Thea­ter­be­triebs an einer Debatte, aus­ge­löst durch Ras­sis­mus­vor­würfe gegen­über dem Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus: So schil­derte der Schau­spie­ler Ron Iyamu Ende März ras­sis­ti­sche Äuße­run­gen und Über­griffe in Pro­ben­si­tua­tio­nen. Dage­gen hielt der Dra­ma­turg Bernd Ste­ge­mann in einem Text in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, wo er die Beson­der­heit der Pro­ben­si­tua­tion beschreibt: Ste­ge­mann sieht die Probe als Ort der Ent­gren­zung, an dem die Regeln des All­tags eben nicht gel­ten, ein Mög­lich­keits­raum gewis­ser­ma­ßen, in dem Kunst und Künst­ler* innen erst mal frei sind, ohne dass Ein­zelne diese Frei­heit für ihre Zwe­cke miss­brau­chen.

Die Frage nach dem Mög­lich­keits­raum der Probe ist unbe­dingt zu stel­len. Nicht als Argu­ment gegen Safe Spaces, das die Gren­zen des Rau­mes ziem­lich eng zieht und so mehr ver­un­mög­licht, als es eröff­net. Son­dern als ein Ein­tre­ten für das offene Aus­ver­han­deln des Spiel­felds als zukünf­ti­gen Com­mon Ground, in dem die Rea­li­tät durch die Kör­per der Betei­lig­ten als Rea­li­tä­ten stets prä­sent, aber nicht fest­ge­schrie­ben ist.

Denn ein Aus­blen­den die­ser Rea­li­tä­ten wäre wie deren Reduk­tion ins Sin­gu­lar, wäre Über­schrei­bung und gleich­zei­tige Zurich­tung der Kör­per, Zugriff und Aus­schluss, ein Abzie­hen der – wie Mithu San­yal in einer Replik auf Ste­ge­mann schreibt – „sozia­len Haut, (…) die es uns erlaubt, gleich­zei­tig Teil der Gesell­schaft und wir selbst zu sein – unver­letz­bar, weil eine Ver­let­zung von uns gleich­zei­tig eine Ver­let­zung der Gemein­schaft wäre“.  

Von Gerhild Steinbuch
Tessa Sima
Tessa Sima
Im Gespräch Ausgabe 2/2021

Cancel Culture zwischen verkürzten Argu­menten und legi­timem Akti­vismus?

Die man­nig­fal­ti­gen Kri­sen­er­schei­nun­gen des 21. Jahr­hun­derts (z.B. Finanz-​, Migrations-​ oder Corona-​Krise) ver­stärk­ten soziale Ungleich­hei­ten. Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund von Geschlecht, sexu­el­ler Ori­en­tie­rung, Eth­ni­zi­tät oder Reli­gion ist all­täg­lich. Daher ist der Bedeu­tungs­ge­winn von Social-​Media-Aktivismus wenig ver­wun­der­lich: Mar­gi­na­li­sierte Grup­pen nut­zen Platt­for­men wie Twit­ter oder Face­book, um soziale Unge­rech­tig­kei­ten breit zu kom­mu­ni­zie­ren und Ver­ant­wort­li­che unmit­tel­bar zur Rechen­schaft zu zie­hen.

Die­ses Vor­ge­hen wird als can­celn bezeich­net und hat u.a. erfolg­reich Eli­ten aus Poli­tik, Wirt­schaft, Kul­tur, aber auch Wis­sen­schaft unter Druck gesetzt (z.B. #metoo oder #black­li­ve­s­mat­ter). Poten­zi­ell führt die­ses Vor­ge­hen also zur Ermäch­ti­gung von Opfern oder Benach­tei­lig­ten, unter­bin­det die Repro­duk­tion von Unge­rech­tig­kei­ten und rei­nigt den öffent­li­chen Dis­kurs von pro­ble­ma­ti­schen Akteur*innen oder Inhal­ten.

Warum also hat die Can­cel Cul­ture eine nega­tive Kon­no­ta­tion? Sind deli­be­ra­tive Demo­kra­tien doch auf aktive Bür­ger*innen ange­wie­sen, die am öffent­li­chen Dis­kurs teil­ha­ben, gesell­schaft­li­che Pro­bleme iden­ti­fi­zie­ren und mit­tels fak­ti­scher Argu­mente schäd­li­che Dis­kurs­ele­mente ent­fer­nen (Haber­mas).

Der für die­sen Dis­kurs not­wen­dige Mög­lich­keits­raum hat sich aber suk­zes­sive ver­engt: Einer­seits for­cier­ten poli­tisch meist rechts ver­or­tete Kräfte mit­tels popu­lis­ti­scher Rhe­to­rik eine abso­lute „Wir gegen Sie“-​Logik, die emo­tio­na­li­siert und das fak­ti­sche Argu­ment ver­drängt. Ande­rer­seits eta­blierte sich, ins­be­son­dere in poli­tisch links ori­en­tier­ten pro­gres­si­ven Krei­sen, eine dog­ma­ti­sche Kul­tur des poli­tisch Kor­rek­ten, deren mora­li­sche Fun­die­rung auch bei kom­ple­xen Sach­fra­gen unhin­ter­frag­bar wirkt. Was ein­zelne Akteur*innen aber als kor­rekt ver­ste­hen, bleibt im Social Media gestütz­ten Mei­nungs­aus­tausch meist unspe­zi­fisch und bie­tet Kon­flikt­po­ten­zial inner­halb pro­gres­si­ver Grup­pen.

Und hier zeigt sich das Pro­blem der Can­cel Cul­ture: Ohne dis­kur­si­ves Aus­ver­han­deln von Posi­tio­nen droht die Gefahr, dass eine Can­ce­la­tion auf das oft unter­stellte „Lyn­chen“ von Indi­vi­duen redu­ziert wird, aber die dahin­ter­lie­gen­den legi­ti­men Anlie­gen von mar­gi­na­li­sier­ten Per­so­nen­grup­pen von dem Spek­ta­kel inhalt­lich ver­eng­ter Social-​Media-Konflikte ver­drängt wer­den. Was schluss­end­lich auch ver­hin­dert, dass die ein­gangs ange­spro­che­nen sozia­len Unge­rech­tig­kei­ten eine Auf­ar­bei­tung erfah­ren. Und genau die­ser Dis­kurs wäre für Gesell­schaf­ten zen­tral, da er das Poten­zial für soziale Kohä­sion schaf­fen könnte.

Von Dimitri Prandner
Im Gespräch Ausgabe 2/2021

Somnium - Der Traum von Wissen­schaft

Manch­mal, in schlech­ten Näch­ten, träume ich vom Krieg. Ich träume davon, was meine Eltern ver­lo­ren haben: ihr Geschäft, ihre Arbeit. Ich träume von mei­ner Stadt, dem Lachen auf den Spiel­plät­zen mei­ner Kind­heit. Dem Bäcker, dem Geruch in den Stra­ßen, dem Basar und den Gebe­ten in der Moschee. Von einer Stadt, die es nicht mehr gibt, von Erin­ne­run­gen an Ecken, die Pan­zern und Gra­na­ten gewi­chen sind. Vom Feuer, das den Basar ver­nich­tet hat.

Als Kin­der und Jugend­li­che kann­ten wir Flücht­linge. Es waren Men­schen aus dem Irak, die vor dem Krieg nach Syrien geflo­hen sind. Da denkt man nicht, wie schnell man selbst in so einer Situa­tion sein kann. Natür­lich haben wir in Aleppo im Früh­ling 2011 fern­ge­se­hen. Viele waren auf der Straße. Nie hät­ten wir gedacht, dass nur wenige Monate spä­ter aus den Pro­tes­ten ein Bür­ger­krieg wird.

Die ers­ten Angriffe auf Aleppo und auf unsere Uni­ver­si­tät waren scho­ckie­rend. Wir konn­ten nicht glau­ben, dass Syrer auf Syrer schie­ßen. Genauso wenig, wie schnell sich das Leben ändert. Aus den Träu­men mei­ner Genera­tion von einem guten, schö­nen, freien Leben wurde das Gefühl, dass es keine Hoff­nung mehr gibt. Dass Über­le­ben der letzte Traum ist, der einem noch bleibt. Ein Traum, der aber wie ein nicht enden­der Alb­traum aus­sieht. Men­schen ver­lie­ren Geld, Arbeit und Hoff­nung. Das Leben domi­nie­ren schlaf­lose Nächte, gefolgt von hoff­nungs­lo­sen Tagen, gefüllt mit schreck­li­chen Erleb­nis­sen.

2015 habe ich mich ent­schie­den, Aleppo und Syrien zu ver­las­sen. Ich wollte mein Herz, mei­nen Kopf und meine Gedan­ken nicht dem Krieg geben. Ich wollte neh­men, was mir der Krieg gelas­sen hat, und es in die Welt tra­gen. Ich wollte wie­der träu­men. Groß träu­men. Träu­men von mor­gen und nicht von ges­tern.

2017 habe ich an der JKU mein Mas­ter­stu­dium Mole­cu­lar Bio­logy begon­nen und 2020 abge­schlos­sen. Das Borealis-​MORE-Stipendium der JKU half mir finan­zi­ell, aber auch men­tal. Jetzt arbeite ich als Dok­to­ran­din am Insti­tut für Bio­phy­sik.

Ich trage ein Kopf­tuch. Es steht für meine Reli­gion und meine Hei­mat und für eine Genera­tion jun­ger Syre­rin­nen und Syrer. Wir haben viele ver­lo­ren. Ich träume von einem Syrien, in dem das ent­schei­det, was in unse­ren Köp­fen ent­steht. Einem Syrien der Wis­sen­schaft, der Offen­heit, des Respekts und des Glau­bens an unsere gemein­same Zukunft. Es ist ein gro­ßer Traum – aber es ist ein Traum für mor­gen. Ich träume davon, dass wir es schaf­fen. 

Die Wis­sen­schaft, dar­über kann es keine zwei Mei­nun­gen geben, ist eine auf­re­gende Sache. In jeder Aus­gabe wid­men wir ihr des­halb die letz­ten Zei­len. Die­ses Mal spricht Hadil Najjar, die ihr JKU Stu­dium mit Unter­stüt­zung eines Borealis-​MORE-Stipendiums absol­viert hat. Es rich­tet sich an Stu­die­rende mit Flucht­hin­ter­grund.

Die­ser Arti­kel könnte Sie auch inter­es­sie­ren: Som­nium - Der Traum von Wis­sen­schaft mit Richard Küng

JKU Wissenschaftlerin Hadil Najjar in ihrem Labor.
Im Gespräch Ausgabe 1/2021

„Irgend­wann verzerrt die Ungleich­heit die Demo­kratie“

Der His­to­ri­ker, Phi­lo­soph und Best­sel­ler­au­tor Phil­ipp Blom im Gespräch mit JKU Rek­tor und Tribune-​Herausgeber Mein­hard Lukas über mög­li­che Leh­ren aus der Corona-​Krise und warum off ene Gesell­schaf­ten etwas Schwie­ri­ges und Läs­ti­ges sind – und trotz­dem das Beste, das wir haben.

Von Meinhard Lukas